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(Drawing by Josef Kühtreiber) E-Mail to Christoph Bouthillier
(using my uncle's old Remington...)





Im Ostermond

Ostern ist vorbei. Es war ein langer Weg, die vorösterlichen Sonntagsstiegen hinauf, von Invocabit bis zum rosenroten Laetare, über Palmarum mit seinem bunten Bandgeflatter und den Lichtern der Palmprozession und endlich die steilen, mit Trauerviolett verhangenen Stufen der Karwoche hinauf, dann die Osternacht hindurch bis zum Aufrauschen des Ostersonntagsjubels.

Das Rieseln der Schneeschmelze, das Klingen der Tropfen begleitete den Weg, das Läuten der Spiegelmeisen, das noch unsichere Dichten der Buchfinken, das unfertige Komponieren der Amseln untermalte ihn, das Aufblühen der Knotenblumen, das zartrosa Erwachen der Schneeheide gab ihm Mut.

Und Ostern kam, trotz Unsicherheit und Zweifel. Es kam wie eine Begnadigung aus langer Haft, wie das Aufreißen der Tore eines dunklen Saales, in den plötzlich voller Macht die Sonne flutet.

Und draußen wurde alles neu. So gleicht der Gang durch Wald und Flur einer Fahrt durch unentdecktes Land. Was gibt es Schöneres als die Begegnung mit wiedererstandenem Leben? Es quillt wie Musik aus allen Waldwinkeln, noch mehr aus allen Vorhölzern, wie Musik verwoben aus Formen, Farben, Tönen, bald wie Zusammenklang voller Akkorde, bald geheimnisvoll lockend, wie kaum geahntes Panflötengetön vom sonnigen Waldrand her, in dessen sanftem Takt die Birkenblüten wehen und die Espenkätzchen zittern. Und weit hinaus verschwimmen die Fluren, aufblühend in Hoffnung und Zukunftsfreude.

Kann man eine Symphonie beschreiben? Sie beschreibt sich selbst. Kann man ein Gedicht zergliedern, ohne es zu zerreißen? Man muß es erleben als Einheit. Aber einzelne Tonfolgen mag man getrost im Gedächtnis verwahren, einzelne Worte kann man aufblitzen lassen wie funkelnde Edelsteine, wenn das Ganze zu schwer wird und zu voll für das Erfassen des kosmischen Gewichtes.

So ist es draußen, weitab von der Stadt, wenn der Wald anhebt zu singen mit den Kehlen der Zippen, wenn der Kiefernforst die Sprache der Misteldrossel spricht und der Haselbusch sich die Stimme des Rotkehlchens leiht. Und so ist es, wenn aus dem Farbenzauber der Feuchtwiesen, dem Regenbogengeschiller erwachender Riede das Rosenrot der Mehlprimel sich vergleicht mit dem Himmelblau der Enziane, mit der Sonnenfarbe der Schlüsselblumen. So ist es, wenn Waldveilchen um den Stamm seidenblaue Borten legen, wenn das Geblüm der Fingerkräuter die Findlinge gelb umkränzt, auf die das Blütengeriesel der Wildkirsche schneit.

Und Worte aus dem großen Gedicht sind die Zitronenfalter, die unverhofft vor dunklen Stammlücken dahintreiben wie fliegende Blumen, oder der Trauermantel, der am Espenstamm seine Flügelpracht zur Schau stellt. Dann weiß man: Es ist Osterzeit, und man erkennt, dass all die kleinen Kostbarkeiten Zeichen sind für unvergleichbar Wertvolleres, das mit den Sinnen allein nicht zu erfassen ist. Kein Aufzählen der Farben erschöpft das Bild, kein Aufklingen von Einzeltönen umfaßt die ganze Weise. Denn das Ganze ist unendlich größer als seine Teile.



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