|
|
|
|
Über das Leben auf (Pf)erden
Ohne Pferd kein Mensch. Nachdem sich der hasengroße Eohippus, seine Frau und deren Kinder das menschliche Treiben 3.995.000 Jahre lang angesehen und des öfteren mit ihren Köpfen geschüttelt hatten, beschlossen sie vor genau 5000 Jahren, sich zu vergrößern und dem Menschen untertan zu machen. Sie wollten zustandebringen, dass der Mensch es weiter brächte als bis zum dreißig Meilen (der Kilometer war noch nicht erfunden) und ebensovielen Blasen an den Füßen entfernten Nachbarn. Die Vorausschau sagte ihnen, dass dereinst Winnetou, Voltigierklubs, Dschingis Khan, römische Legionen, das Shire-Vierergespann von Bier-Heineken, Kreuzritter, Fünfgangfanatiker, zelterfrönende Ritterfräuleins, haremumwobene Scheichs, Mozart in der Kutsche nach Prag und die Veranstalter des Großen Preises von Aachen (vergebt mir die Unkenntnis der genauen historischen Reihenfolge!) ihrer zwingend bedurften, um die Nachbarn ein paar Tage früher erschlagen zu können, das Bier frischer anzuliefern, das Fräulein mit dem Ritter zu kreuzen oder etwa um Jahre eher nach Kalifornien zum Surfen zu kommen.
Das Pferd ist fast ein Mensch, das wussten die zentaurenhaften Griechen und beweist hier mein Liebling Botticelli:
![]() Das Pferd ist unendlich vielseitig. Es kann böse, sozial, stolz, spielerisch, mutig, bockig, rossig, müde, beherrscht, rasant, zutraulich, lehrbegierig, edel, gesellig und noch tausend anderes sein. Es vermag auf milligrammschwere Hilfen zu reagieren. Es macht ihm offensichtlich einen Riesenspaß, als Gegenleistung für ein paar Karotten auf kleinster Zirkuspiste im irren Renngalopp zu kreisen und zuzulassen, dass der Meister (oder die -in) im verwegenen Sprung aufsitzt und bei all dem Toben dreihundertsechzig Grad um den Pferdehals herumklettert. Es rettete, ohne Wasser und Fressen, den jungen Reiter in drei Tagen durch zweihundertsiebzig Kilometer sengende Wüstenglut. Es wird Dich geduldig tragen, bis es tot vor Erschöpfung unter Dir zusammenbricht. Es lässt sich für Dich töten: Einem Freund von mir wurde anno '45 zweimal ein Pferd unterm Sattel weggeschossen. Weder der weit entfernte Wurm hat das alles für Dich übrig, noch das nahe Zebra. Für Pelham, Polo und Piaffe fehlt den beiden das Verständnis. Ohne Pferde keine ersten Autos, denn auch Herr Benz und Herr Otto ritten oder kutschenfuhren wohl in ihre Konstruktionsbüros. Ohne Pferde auch heute keine Autos: PS-Zahlen leuchten jedem Kind ein; die Kilowatt aus dem Teekessel bleiben eine Abstraktion. Das Pferd ist so gut wie der Mensch: Wie er springt es mehr als zwei Meter vierzig hoch und neun Meter weit. Oder ist der Mensch vielleicht so gut wie ein Pferd? Unsere Äcker sind knapp unter der Krume zu betonierten, flachgelegten Mauern geworden: Die dumpfen Traktoren entbehren die Grazilität selbst der schwersten Brabanter Ackergäule, die über Jahrtausende hinweg den Boden luftig, maulwurffreundlich und saugfähig beließen. Du wirst, alle Nichtpferdler belächelnd, in genau dreißig Jahren, wenn es kein Öl und somit nur noch Millionen stillstehender und überall vor sich hinrostender Autos gibt, unbehindert grasüberwucherte Autobahnen betölten, am Nürburgring rennpassen, in der Stadt notfalls auch Schritt, Trab und Galopp reiten. Du wirst Deine Kinder rechtzeitig auf die exzellenten Berufsschancen für Sattler, Stiefelknechte, Stallburschen und Kutscher aufmerksam machen. Die Zweisamkeit in lebendiger Einheit zwischen Dir und Deinem Pferd ist unvergleichlich: Sie ist grundlegend anders als die zwischen Fuß und Ball, Eis und Hockey, Auto und rennen, Schach und spielen. Einhundert Rassen weltweit stehen Dir zur Auswahl. Kein Mensch ohne Pferd.
Ich wünsche Dir allzeit guten Ritt.
Jean-Armand Ipark |
![]() |
![]() |
|