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Magenmärchen
03.34 Uhr. ![]() Unversehens jedoch kullern den Schlafenden pardauz ganz ungewohnterweise einige schwere, besonders geschmacklose, unüblich zusammengewürfelte, lieblos befeuchtete und sogar richtig scharfkantige Brocken auf die Köpfe, die Bauchgegend, die Zehen. Die Vier reißt es abrupt aus ihrem dösenden Sinnieren - hatte doch jede(r) einzelne gerade vom jeweiligen Lieblingsgericht geträumt:
Also so was! Von so etwas lassen wir uns nicht überspülen! Und vor allem, wo wir uns gerade hundemüde von der gestrigen Spätschicht ausruhen wollten! Das widerspricht den grundlegendsten gewerkschaftlichen Bestimmungen! Solche Gemische verarbeiten wir hier nicht! Die schicken wir postwendend an den Absender zurück! Die Vier tasten sich zusammen, stellen einhellig fest, dass das Maß jetzt langsam voll ist und beschließen, zu harten Aktionen überzugehen. Gesagt, getan. Als erstes beginnen die brüder- und schwesterlichen Vier spontan eine Notkonferenz am grün-braunen Tisch und vereinbaren, ab sofort und bis auf weiteres keine Abbrucharbeiten mehr vorzunehmen. Aus ihrem aus einer Ecke, unweit der sich inzwischen drängelnd anhäufenden Rohstoffe, vernehmlichen Getuschel lässt sich ausmachen, dass sie sich ganz sicher sind, alle erforderlichen Nothelfer organisieren zu können. Der Plan wird gefasst, die nördliche n Nachbarn aus dem Vorgebirge dabei einzubeziehen.
Herr Chlorwasser kriecht daher erst einmal als Kundschafter mit Verhandlungsmandat ein paar cm nach oben. Dort trifft er auf die, wie erwartet, ebenfalls schlafenden Muskelprotze mit den Schlangenleibern. Nach einigen Weckversuchen gelingt es ihm, sie wachzuätzen und für die gemeinsame Sache zu begeistern. Gerade in dem Augenblick aber werden sie alle ziemlich arg herumgeschüttelt - offensichtlich ist der Brotherr aufgewacht und hat sich vertikal gestellt. ![]() Das erklärt sich nämlich aus der plötzlichen, eisigen Dusche mit beißendem Tränengas, wie von so einem Studentenwasserwerfer. Schon wieder der alte Alka-Seltzer-Trick! "Wir sind gegen jede Form von Doping!" protestiert Herr Chlorwasser. Er kann sich gerade noch von seinen - glücklicherweise stämmigen - Gesprächspartnern festklammern lassen, wobei er sich krampfhaft und mit brennenden Augen an einem leider recht peinlich riechenden Vorsprung festhält - offensichtlich eine alte, schlecht verheilte Kampfverletzung, Andenken an ein Geplänkel zwischen den Muskelprotzen und einer spießigen Gräte. Nach einigen ewig wirkenden Sekunden ist die üble Dusche Gott sei Dank vorüber, Herr Chlorwasser kann sich bei den Gastgebern bedanken, versichert sich deren Mithilfe, richtet noch schnell die Grüße seiner Mitarbeiter und -innen aus und kehrt streikhungrig an seine kombinierte Arbeits-, Ess- und Schlafstelle zurück. Dort erwarten ihn schon voller Spannung die Kollegen, allerdings bereits mit sanft knurrenden Mägen. Die letzte Lieferung war ja schon vor einigen Stunden verarbeitet worden und die unzeitige, frische Ladung steht natürlich noch unberührt auf dem Tisch. Nach der Berichterstattung durch Chlorwasser macht man sich alsbald an die Arbeit. Alle Verwandten, auch die entfernteren, mit denen man meistens gemeinsames Ätzen vermeidet, werden zusammengetrommelt. Ein Botschafter geht flussabwärts zum Portier, ersucht ihn in einem Schwätzchen um Weiterleitung der Warnung bezüglich einer in Bälde drohenden, aber unvermeidlichen Hungerperiode für die stromabwärts hausenden Kollegen und vermittelt einen ungefähren Eindruck von der Dauer der Fastenperiode. In der eigenen Wohnhöhle bringen die Vier inzwischen die noch unbearbeitete Munition in Stellung; zwecks besserer Schubkraft wird ihre Geschmeidigkeit noch durch spezielle Würzstoffe verbessert. Auf ein vereinbartes Zeichen hin beginnt ein Hieven und Schieben, ein Pressen, ein Ächzen, ein In-die-Hände-Spucken. Jeder einzelne bäumt sich auf, schiebt unter dem Aussprechen von Schlachtrufen, etlichen Rülpsern und einigen besonders zersetzenden Bemerkungen die Munition in das Abschussrohr und benetzt sie mit extra pikanten Saucen. Die Aromastoffe wirken wie ein Reizstoff auf die sonst eher eintönige und einbahnige Arbeit gewohnte Muskelprotze des Oberlaufs. Sie übernehmen die Fracht zunächst zwar eher widerwillig, distribuieren sie aber dann durchaus motiviert-vehement in drei mundgerecht abgepassten Portionen an die zuständigen, noch weiter oben gelegenen Stellen. Innerhalb weniger Sekunden wird ganze Arbeit geleistet und die gesamte Munition verschossen. Nach diesem Streikaufruhr mit gelungener Reklamation kehren alle in ihre Wohnungen zurück. Unsere vier Freunde legen sich hundemüde, aber ausgesprochen erleichtert, zur wohlverdienten Ruhe.
Die im Tiefschlaf der Vier hin und wieder vorbeiplätschernden Tees und Zwiebacke werden nur unterbewusst wahrgenommen und wandern jetzt praktisch unbehelligt an der vorratslosen und daher ungewohnt kahl wirkenden, dafür aber umso atemfrischer duftenden Wohnung vorüber. ![]() Jean-Armand Ipark |
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