Meine sehr verehrten festlichen Damen und Herren,
liebe Konkulleginnen und Konkullegen,
Übersetzen ist eine Viecherei.
Als Übersetzer und/oder Dolmetscher - gemeint sind natürlich auch die "-Innen" - müssen Sie bei diversen Tieren und Tierchen Anleihen machen, wollen Sie gut über die Runden kommen.
Da Sie den Festrednern nur je 5 Minuten zugestanden hatten, zitiere ich der Prägnanz halber ein paar plastische Analogien aus der Arche Noah herbei.
Sie angeln sich für die ersten zwei bis drei Berufsjahre einen Mäzen, der Ihre finanzielle Durststrecke auf Kamelart durchqueren hilft.
Ihr berufliches Selbstbewußtsein und hoffentlich auch Ihre fachlichen Qualitäten entfalten sich vom Studienabgang bis zur Pensionierung vom scheuen Reh zum Lippizanerhengst.
Sie wissen, dass am Anfang ein Mentor wie eine Eisbärmutter und später eine Handvoll zuverlässiger Kollegen als gemeinsam jagendes Wolfsrudel unverzichtbar sind.
Sie haben ein Wortgedächtnis wie eine Herde Serengeti-Elefanten. Falls nicht, so kennen Sie wenigstens die Telefonnummern von ein paar Kollegen und die Ihres Internet-Providers auswendig.
Sie kennen die Struktur Ihres PC und die Tücken der unzähligen Programme, die Sie benötigen, wie eine Termite ihren Bau.
Beim Aufbau einer selbständigen Praxis bringen Sie die Zähigkeit einer neunlebigen Katze ein.
Sie schuften emsig wie eine Biene, weil es IMMER etwas zu tun gibt.
Als Dolmetscher sind Sie nach innen - also bei der Arbeit - wortgewandt wie ein Papagei, nach außen verschwiegen wie ein Fisch. Diskretion ist natürlich auch bei Übersetzern Regel Nr. 1.
Über Ihre Kunden wachen Sie wie ein Geier, damit kein Konkullege sie Ihnen wegschnappt.
Gegenüber finanziell säumigen Kunden verfügen Sie über die Sturheit des Nashorns, sekundiert von einem krokodilhaften Anwalt.
Den Bedürfnissen Ihrer Kunden in Sachen Terminologie, Aufzeigen von Fehlern in den Quelltexten, absoluter Verläßlichkeit bei der Lieferung, Anpassung Ihres Stils an den Empfänger und das Lesen zwischen den Zeilen treten Sie mit der Wandlungsfähigkeit und Treffsicherheit eines Chamäleons entgegen.
Ihre Gesundheit ist die eines Bären, weil der Kunde Sie für einen allzeit paraten Dienstleister ansieht.
Wie ein Panther sind Sie absprungbereit, wenn der Kunde Sie anruft, an-iemehlt oder befaxt und schon wieder mit einem Auftrag droht.
Sie haben den Sparsinn eines Tannenhähers, weil Sie ja schon am Tag nach der Diplomierung mit der Einzahlung Ihrer Pensionsbeiträge beginnen.
Einerseits sind Sie in Ihren fachlichen Kompetenzen so breit wie ein Albatros und so vielseitig wie ein Polyp.
Andererseits tauchen Sie in ein oder zwei Fachgebiete tiefer ab als ein tausendmetriger Pottwal.
Sie sind belesen wie ein Bücherwurm: nicht nur, um ständig mit allen gesellschaftlichen Entwicklungen Ihrer Arbeitssprachen Schritt zu halten, sondern auch - oder eigentlich vor allem -, um Ihre Muttersprache zu pflegen und wie einen Diamanten zu schleifen.
Sie haben nichts gegen ein Leben überwiegend als Einsiedlerkrebs, aus dem Sie sich regelmäßig wie aus einem U-Boot in die soziale Gemütlichkeit ausschwärmender Stare begeben sollten.
Sie verstehen es, in Ihrem statuslosen Dasein auf gockelhafte Bewunderung zu verzichten und den Stolz aus Ihrem Bankkonto zu beziehen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrem Institut für den Rest dieses Feiertages, für die nächsten 50 Jahre und Ihr Berufsleben einen viechischen Spaß ohne ein Übermaß an tierischem Ernst.