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Eine Rasse gerettet - die 62 Islandhunde von Ans Beer-Schell
[Ans Beer: www.thyturstadir.com]
![]() Aber seit April 1992 ist dieser Schreiberling bekehrt, zumindest . . . theoretisch (denn er besitzt noch immer keinen Hund) und dann auch nur betreffs einer einzigen Rasse. "Welche Rasse?" hört der Skribent den werten Leser (oder die Leserin) schon verdutzt murmeln. Er (oder sie) wird vor dem Hintergrund dieses Heftes sowie der Überschrift zu dieser Geschichte schon lange erraten haben, dass es sich hier ausschließlich um die reinste, liebenswürdigste, sauberste, intelligenteste, farbenprächtigste, lebendigste und schmusevollste Hunderasse, die es bis zum Tag des Jüngsten Gerichts jemals geben wird, handelt, mit anderen Worten: die isländische Rasse. Aber wie ist so etwas möglich, fragen Sie sich vielleicht? Sehr einfach. An einem ganz gewöhnlichen Morgen im April 1992 wird der Schreiberling von der ihm bis dahin unbekannten Frau Beer-Schell aus Vught (NL), mehr oder weniger aus dem Bett geklingelt. Das Telefongespräch geht zuerst über isländische Trachten (der Autor steht über einen Freundschaftsverein in den Niederlanden Island und seinen Bewohnern nahe, Frau Beer-Schell hatte davon offensichtlich irgendwie erfahren), dann über isländische Pferde und zuletzt über ebensolche Hunde (übrigens wohltuenderweise ohne lästiges Gekläffe im telefonischen Hintergrund), wobei Frau Beer-Schell schon ein bißchen von ihrer großen Liebe zu dieser Rasse und ihren Beschäftigungen preisgibt - aber darüber später mehr. Das Gespräch wird ihrerseits mit einem Antrag auf Mitgliedschaft im durchlauchten Verein beendet, (was wohlwollend bewilligt wird), und von des Skribenten Seite mit der Zusage, die gewünschten Abbildungen von Nationaltrachten zu suchen sowie ihr demnächst einen Besuch abzustatten. Übrigens nannte die Dame am Telefon ganz nebenbei ihr Alter (und Ihr Chronist fühlt Veranlassung, die Zahl 82 hier öffentlich preiszugeben, weil das nun wiederum ein Damenalter ist, worüber man, ohne hinter vorgehaltener Hand tuscheln zu müssen, reden darf; zwischen genau 29 und 81 darf nämlich nicht einmal geflüstert werden). So ein gesegnetes Alter hatte Ihr telefonierender Schreiberling aus dem animiert-animalischen Gespräch beileibe nicht erahnt und er hielt mit seiner Bewunderung - angesichts der Versorgung von 2,5 Pferden und 18 Hunden - nicht gerade hinter den Berg. Die Antwort aus Vught lautete: "Ach, ausruhen kann ich mich noch in der Ewigkeit!" Da ist was Wahres dran. Die bereits genannten, gegenseitigen Vereinbarungen wurden peinlich genau eingehalten und so kam es bis zum heutigen Zeitpunkt zu vier Treffen mit den Pferden, den Hunden und dem neuen Vereinsmitglied in Person. Nun weiß dieser Tintenlüstling aus hunderte Kilometer langer Erfahrung zu berichten, dass (isländische) Pferde sehr besondere und sehr liebe Tiere sind, aber das mit den Hunden, das hat ihn doch total überrascht. Seine entsprechenden Begegnungen bestanden bisher ausschließlich aus dem Erblicken verbittert kläffender, vermickert-unterthänigst gaffender Straßenbastarde, die aus beinahe jedem isländischen Bauernhof zum Vorschein flitzten und bis auf präzise 0,02 mm an das rechte (selten linke) Vorderrad des entlangrasenden Landrovers Ihres Skribenten zustürmten, um dann unverrichteter Dinge wieder zurück zum Bauernhof zu trotten. Allein schon der von ihm (d.h. dem Schreiberling) und seinem türkischen (9 Jahre alten) Nachbarn Ömen Igrek gemeinsam durch das Wohnzimmerfenster der Frau Beer-Schell geworfene Blick verursacht, dass 10 gutmütige, allerdings mit zeternder Aufregung blitzartig reagierende Fusselknäuel die Besucher wie besessen stürmig begrüßen, wodurch Ihr Informant, eingedenk des obigen ersten Absatzes, erst einmal erstarrt vor lauter eingebissener Beißangst, vor der Tür stehen bleibt. Erstaunlich schnell ist jedoch das Eis gebrochen, haben Frau Beer-Schell und die Wollknäuel die Gäste willkommen geheißen und bewegen sich die letztgenannten ungeniert - jedoch vorsichtig stapfend, um ja keinen Welpen zu zertreten - zwischen der wimmelnden Masse. Erstaunlich ist nicht nur die wedelnd-erregte Begrüßung, sondern auch das Nichtvorhandensein von Schmutz - so manch "Hundefrauchen-Haus" mit einer derartigen Anzahl Hausbewohner zeigt doch mal Verschleißerscheinungen im "Dekor"! Aber hier keine Spur davon. Auf dem winzigen Innenhof (die ausreichend geräumige Pferdeweide, die auch als Hundeauslauf Dienst tut, befindet sich in 50 m Entfernung) toben und krakeelen die älteren Tiere hin und her, über und neben den dann 7 Wochen alten Welpen, die ab ihrer 8. Lebenswoche die zukünftigen neuen Besitzer sehr beschäftigen und erfreuen werden. Frau Beer-Schell zeigt Özmen, wie ein Welpe festgehalten wird, ohne dass seine Vorderbeine auf Affenarmlänge überdehnt werden, und allsbald wird mein Nachbar umgehend schöllereisartig emsig geleckt. Danach geht Frau Beer-Schell kurz allein zu den Pferden, und wir ruhen uns inzwischen auf der Gartenbank im Innenhof aus. Unser "Komm, komm!" ist für zwei beliebige, erwachsene Tiere das sofortige Signal, um wie streicheleinheitenbedürftige Katzen auf unsere Schöße zu hopsen und da liegenzubleiben, während sie uns noch keine 5 Minuten kennen. Jeder von uns hat dann auch an die 13 Kilo flaumige, weizenfarbige bzw. pechschwarze, bewegliche und äußerst zutrauliche Pelzkissen auf dem Knie. Sobald Frau Beer-Schell zurück ist, wird der auf einem 3 x 4 cm großen Spickzettel aufgestellte Fragebogen über ihr äußergewöhnliches Hobby - oder besser noch: ihre Berufung - durchgeackert. Was ist denn nun eigentlich so Besonders an dieser Rasse? Wie kamen Sie dazu? Wie lange sind Sie schon damit beschäftigt? Wieviel Hunde kommen aus diesem Hause? Was fressen sie? Wie halten Sie die Tiere so sauber? Wem vertrauen Sie ihre Welpen an? Welche Farben sind zugelassen? Werden Ihre Hunde überhaupt jemals einen Preis würdig befunden? Wurde über diese Rasse schon einmal berichtet? Gehorchen sie gut? Wie alt werden sie? Also, aus dem Munde der Interviewten und aufgrund der von ihr vorgelegten Artikel aus Zeitschriften und Enzyklopädien darf das Folgende offenbart werden. Zu allererst ist es sehr faszinierend - wenn man Frau Beer-Schell Glauben schenken darf, und angesichts der anderen, bestätigenden Publikationen muß man das auch -, dass sie durch ihre Initiative und ihre Arbeit eine wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle bei der Erhaltung der reinen Rasse gespielt hat, die vom Aussterben bedroht war. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der isländische Hund in seiner Heimat (ebenso wie die Pferde) kaum mit anderen Rassen vermischt und vor allem seiner Zähigkeit (etwa: in meterdicken Schneestürmen nach Schafen suchen und Pferde beieinanderhalten) und absoluten Freundlichkeit willen gezüchtet. Auch der Jagdinstinkt aus Großvater Wolfs Zeiten wurde ihm fast völlig ausgetrieben. Dank seiner Intelligenz (d.h. des Hundes) wurde die Rasse auf Island zur unentbehrlichen Hilfe der Bauern; so betrug der Gegenwert einstmals für 1 Hund früher 2 Pferde plus 1 Schaf. Durch zahlreiche Hunde-Epidemien im Laufe der Jahrhunderte war die Rasse dem Aussterben nahe. In den 50er Jahren unseres Jahrhunderts war dieser Hund schon eine Seltenheit. Eine Anzahl reinrassiger Tiere aus dem Norden und Westen des Landes wurde damals von einer Engländerin dazu herangezogen, im kleinen Maßstab weiter zu züchten. Erst in den 70er Jahren wurden die ersten Zwinger in Island eingerichtet, und erst 1985 erscheint unsere Frau Beer-Schell auf der Bildfläche. Sie bezog die ersten Tiere aus Dänemark (wo immer noch gezüchtet wird) und aus Deutschland. Dank ihrer glücklichen Hand haben inzwischen 62 Welpen in der Heikantstraat 4 in Vught das Lebenslicht erblickt. Und dann nicht nur ein paar Straßenköter! Nein, für weniger als 1 Weltmeister (Valencia/Spanien, April 1992) und natürlich schon ca. 9 niederländische Meister tut sie's nicht. Innerhalb der Rasse sind beinahe alle Farben erlaubt; vor allem "weizenfarbig", aber auch grauweiß, ja sogar ganz schwarz mit weißen Fleckchen, oder aber schokoladenbraun sind zugelassen. So ein seltenes braunes Exemplar mit ein paar weißen Tupfern sah ich einmal bei einem Pferde-Großbauern bei Hella (Island). Die Fütterung ist vollkommen unproblematisch, Toilette machen völlig überflüssig. Diese Tiere sind nämlich nicht nur sehr lieb und deshalb übrigens äußerst geeignet für Kinder, sondern sie halten sich auch selbst sauber und glänzen wie die bereits erwähnten Mäusejäger. Das meiste Vergnügen mit einem isländischen Hund erleben Bauern und "Landleute", also jene, die solch einem Hund viel Zeit und Auslauf bieten. Die Tiere sind nämlich kleine Energiebomben - Sie müßten mal zusehen, wie 6 von diesen Biestern an ebensovielen Leinen Frau Beer-Schell quasi wie eine Wasserskifahrerin in toller Begeisterung über die Wiese zerren ... und dennoch aufs Wort zu gehorchen imstande sind! Bei den erwähnten Bauern und Landleuten rasen die Tiere den ganzen Tag spielend umher und werden von so manchem Obstgärtner in den Niederlanden als Vogelscheuchen (aber welch anmutige!) eingesetzt. 1979 habe ich in Gesellschaft eines solchen Hundes ein paar Tage auf Island geritten - der Hund legte dabei zickzackend mindestens das Dreifache der Reitstrecke zurück. Das Glück des Besitzers ist schier unendlich: Frau Beer-Schell erzählte von einem erreichbaren, fast schon biblischen Hundealter von 18 Jahren. Sie wähnen sich schon als Käufer und wollen den Preis erfahren? Nein, dazu müssen Sie sich wirklich selbst in Vught anmelden (Tel. +31 (73) 6565442, deutsche Sprache kein Problem). Frau Beer-Schell ist übrigens durchaus wählerisch! Sie schaut Ihnen lang und tief in die Augen, um herauszufinden, ob so ein zukünftiger Welpe (reproduziert wird nur auf Bestellung!) es in Ihrem Zuhause gut haben wird. Aber wer hat schon etwas gegen einen langanhaltenden Blick in seine Augen, wenn er gleichzeitig einen ganz unverbindlichen Blick auf die anwesenden Fusselknäuel werfen darf?
C.B. |
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